Kaum jemand wird dies besser wissen als Charles Portis, der 1968 mit dem Roman True Grit einen derartigen Erfolg landete, dass er binnen eines Jahres in Schulen auf die gleiche Stufe wie Edgar Allen Poe oder Walt Whitman gestellt wurde – ein "Instant Classic" eben. Auch Hollywood wurde auf das Phänomen aufmerksam: Regisseur Henry Hathaway nahm sich des Materials an, schrieb es mit Marguerite Roberts so um, dass es voll und ganz auf den legendären Western-Haudegen John Wayne, der dafür auch prompt mit einem Oscar ausgezeichnet wurde – seinem einzigen –, zugeschnitten war, und Filmgeschichte wurde geschrieben. Portis seinerseits wurde vergessen, da der Name True Grit nach Hathaways Streifen nur noch mit Wayne in Verbindung gebracht wurde. Nun haben es sich Joel und Ethan Coen zur Aufgabe gemacht, Portis und das ganze Genre des Westerns mit einer werkgetreuen Romanadaption noch einmal hochleben zu lassen. Resultat: ein Meisterwerk.
Man könnte sich nun fragen, weshalb die Coens unbedingt einen waschechten Western drehen wollten. Einerseits gibt es wenige Genres, deren Grenzen so klar definiert sind wie diejenigen des Wildwestfilms, und das Brüderpaar ist wohlbekannt dafür, solche Grenzen zu missachten. Andererseits wurde keine andere cineastische Stilrichtung so oft für tot erklärt, nur um hie und da wieder – meist erfolglos – aufzuerstehen. Filme wie 3:10 to Yuma oder The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford mögen gut oder sogar sehr gut sein; finanziell blieben sie aber alle mehr oder minder hinter den Erwartungen zurück. Nun, in dieser Beziehung bekundete True Grit der Coen-Brüder keine Probleme: Die Einnahmen stehen derzeit bei gut 215 Millionen Dollar – bereits jetzt der grösste Box-Office-Hit des Duos.
Bleibt die Frage nach den Genregrenzen: Ist True Grit eine Persiflage, ein ironischer Abgesang oder gar eine eiskalte Demontage dieser altehrwürdigen Filmgattung? Nein. Nicht nur ist der neueste Film der Coens eine kongeniale Buchverfilmung, sondern auch ein grossartiger Spätwestern im Stile von Meistern wie Sam Peckinpah, Clint Eastwood oder Sergio Leone. Nichts wird parodiert, die eigene Geschichte und die Charaktere werden ernst genommen und die diesbezüglich berüchtigten Coens sehen sogar von augenzwinkernden und relativ offensichtlichen Anachronismen ab, wie man sie in Filmen wie A Serious Man oder O Brother, Where Art Thou? bewundern durfte.
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Weniger Coen-typisch ist die einfache, ja geradezu simple Story: Ein Mann wird ermordet, seine 14-jährige Tochter Mattie (Hailee Steinfeld) heuert den ruppigen, trinkfesten U.S. Marshal Rooster Cogburn (Jeff Bridges) an, um den entflohenen Mörder (Josh Brolin) zu fangen, ein Texas Ranger (Matt Damon) gesellt sich hinzu, und das Trio reitet in Richtung Indianerterritorium los. Die Frage, ob die Coen-Brüder dazu fähig sind, eine derart geradlinige Geschichte umzusetzen – ohne exzentrische und verrückte Wendungen à la The Big Lebowski oder Burn After Reading –, ist eine ähnliche wie diejenige, ob sie einen "echten" Western drehen können. Das Duo beweist ein hervorragendes Gespür für das Genre und weiss eine dafür charakteristische Geschichte um Vergeltung und Gerechtigkeit meisterhaft zu erzählen. Und auch die Erzählweise orientiert sich an Spätwestern Marke Peckinpah oder Leone: Das Zeitalter der Revolverhelden und Outlaws neigt sich auch hier seinem Ende zu.
Dies wird besonders während des genialen Epilogs evident, wenn eine erwachsene Mattie – der Film ist, ganz der Vorlage entsprechend, eine Erinnerung seines zentralen Charakters – feststellen muss, dass die Helden und Bösewichte von damals Seite an Seite in Wildwestshows ihre Künste zur Schau stellen, um eine verlorene Zeit nachzuäffen. Wie allen grossen Western liegt auch True Grit eine gewisse Melancholie zugrunde, welche in der letzten Einstellung ihren Höhepunkt erreicht, wenn Mattie über das allzu schnelle Fortschreiten der Zeit sinniert und zu den Klängen von Iris DeMents wunderschöner Version des Gospel-Standards "Leaning on the Everlasting Arms", dessen Melodie das Hauptthema von Carter Burwells Score darstellt, in der Ferne verschwindet.
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An Steinfelds Seite agieren Jeff Bridges als Rooster Cogburn und Matt Damon als Texas Ranger LaBoeuf. Bridges' Performance ist für sich allein bereits ein kleines Meisterstück. Er imitiert in keinster Weise John Wayne, sondern macht den Marshal zu seiner eigenen Rolle. Sein undeutlicher, nuscheliger Südstaaten-Slang, der im Übrigen von allen Akteuren zur Perfektion gesprochen wird und so dem Film viel Authentizität verleiht, ist wahrlich grossartiges Schauspiel und verdient höchstes Lob. Auch verleiht Jeff Bridges seiner Figur die nötige Tiefe: Trotz seines ungehobelten Verhaltens, seiner ausschweifenden Liebe für Whisky und seiner Derbheit hat er ein gutes Herz, das sich im entscheidenden Moment auch für die vorlaute Mattie öffnet. Zudem beweist Bridges mehrfach sein komödiantisches Talent, sei es mit lapidaren Bemerkungen in ungewöhnlichen Situationen, oder sei es, wenn der betrunkene Marshal auf die Idee verfällt, Maisbrot aus der Luft zu schiessen. Aber selbst in seinen lächerlichsten Momenten ist Rooster keine Karikatur, sondern eine kostbare Erinnerung Matties. Doch auch Matt Damons Leistung sollte nicht unterschätzt werden: Er erhebt die Figur des LaBoeuf zu mehr als einem schnell sprechenden Comic Relief und macht ihn zu einem würdigen Gegenspieler von Rooster Cogburn.
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Auch optisch gibt es bei True Grit nichts zu bemängeln. Die reiche Ausstattung und die authentischen Kostüme wurden von den Coens brillant in Szene gesetzt. Und an der Kamera liefert einmal mehr Roger Deakins – einer der besten Kameramänner, die zurzeit in Hollywood arbeiten – einen herausragenden Job ab. Die Coen-Brüder und Deakins haben allesamt ein feines Auge für die Ästhetik der Leere, die schon viele Western visuell unverwechselbar machte. Und da sich True Grit im Winter abspielt, sind auch einige atmosphärische Anleihen bei Genre-Titanen wie John Ford und Anthony Mann erkennbar, besonders in den Szenen, die sich in blätterlosen Wäldern abspielen und Braun- und Grautöne vorherrschen.
Joel und Ethan Coen sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem von ihnen nur noch Spitzenleistungen erwartet werden. Es ist bewundersnwert, wie gut sie mit diesem Druck umgehen und weiterhin nur diejenigen Projekte in Angriff nehmen, die ihnen am Herzen liegen. Diese Strategie hat sich einmal mehr ausgezahlt: True Grit ist mehr als nur eine brillante Buchverfilmung; es ist ein Film, der souverän auf eigenen Beinen steht und in jeder Hinsicht genial ist – unbesehen, ob man nun die literarische Vorlage und/oder Hathaways Erstverfilmung kennt oder nicht. Regie und Skript der Gebrüder Coen sind einmal mehr makellos, ebenso die schauspielerische Leistung des ganzen Casts und die technischen Aspekte. True Grit ist schlicht ein epochales Meisterwerk des späten Westernkinos.
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